Zu Ostern Innehalten und Nachdenken über den Umgang mit jungen Menschen

5. April 2012

Ich appelliere an die politisch Verantwortlichen in Thüringen die Osterzeit zu nutzen, um einmal in Ruhe über die Situation junger Menschen in Thüringen nachzudenken.

Seit Jahren pendele ich aufgrund meiner Arbeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch Thüringen. Was ich vor allem in den Abendstunden erlebte und erlebe, lässt mich um eine einigermaßen friedliche Zukunft unserer Gesellschaft tatsächlich bangen. Nur ein Beispiel von vielen möchte ich benennen. Aggressive Jugendliche die halb so alt sind wie ich, beschimpfen Obdachlose als faule Penner und schubsen diese über die Straßen. Sie steigen in Straßenbahnen und bedrohen die Mitfahrer. Sie treten Papierkörbe kaputt und schlagen auch mal einfach so ohne Grund oder Anlass einem Mitmenschen ins Gesicht. Die meisten schauen fassungslos weg, da sie Angst haben. Hinter vorgehaltener Hand wird das Unverständnis für dieses Verhalten dann aber durchaus hörbar. An einigen vor allem kleinen Thüringer Bahnhöfen gibt es leider keine Möglichkeit, sich den aggressiven jungen Menschen zu entziehen. Ich frage mich seit langem: Wieso stehen die jungen Menschen dort an den Bahnhöfen und pöbeln und greifen die Menschen an? Ist es Langeweile? Ist es Frust? Ist es sogar normal und gehört irgendwie dazu? Und vor allem frage ich mich, wie schaffen wir es, diesen jungen Menschen eine Möglichkeit zu geben, ihren Frust, ihre Kraft und ihre Wut in sinnvolle Kanäle zu lenken?

Die bisherigen öffentlichen Verlautbarungen aus Wirtschaft und Politik in den letzten Jahren geben keine Antwort sondern verschlimmern nur die Situation.

Arbeitslosigkeit, Niedriglohn, Hartz IV, Kürzungen im Bereich der Jugendhilfe und vor allem das latente Beschimpfen vor allem von Schulabgängern als nicht „ausbildungsreif“ sind aus meiner Sicht nur einige Stichpunkte, die zu der beschriebenen Situation geführt haben. Wenn ein junger Mensch heute die Zeitung aufschlägt kann er häufig nachlesen, dass er oder sie nicht den Anforderungen der Wirtschaft genügt. Wenn dann noch zu Hause beide Elternteile entweder erwerbslos oder in prekärer Beschäftigung sind, wird es eben schwierig positiv in die Zukunft zu schauen. Wenn dann noch der örtliche Jugendclub aufgrund der finanziellen Situation nicht zu halten war und es keine ernsthaften Jugendangebote mehr gibt, bleibt meist nur der Bahnhof oder die Bushaltestelle um sich zu treffen. Im ungünstigsten Fall ist es die örtliche rechte Jugendtruppe oder Kameradschaft, welche Halt gibt oder einen Raum für den Frustabbau schafft. Ich persönlich halte diesen Zustand, der an vielen Orten in Thüringen vergleichbar ist, für extrem gefährlich. Angesichts des ständigen Rufes nach den so dringend benötigten Fachkräften in den nächsten Jahren sollte es doch möglich sein, allen jungen Menschen eine gleichberechtigte und faire Chance zu geben, sich zu beweisen. Wie viele gute zukünftige Handwerker stehen denn da draußen an den Bushaltestellen und Bahnhöfen oder sitzen frustriert zu Hause und haben sich aufgegeben? Diese wichtige gesellschaftliche Frage möchte ich uns allen über Ostern mit auf den Weg geben.

Schließen sie mal die Augen für ein paar Minuten und denken darüber nach, wie es ihnen gehen würde, wenn sie das Gefühl haben nicht gebraucht zu werden. Und vor allem was sie in so einer Situation tun würden. Ich wünsche ihnen ein schönes Osterfest.