Trauerrede von Elfriede Teresa Begrich (ehemalige Pröbstin zu Erfurt-Nordhausen)

 

Am 28.11.2011 gedachten in Erfurt einige hundert Menschen den durch die extrem Rechten Ermordeten Mitmenschen. Eine besondere Rede möchte ich hier auf der Seite veröffentlichen. Die ehemalige Pröbstin Elfriede Begrich fand klare und deutliche Worte.

Mit ihrem Einverständnis veröffentliche ich die von ihr gehaltene Rede:

Sehr geehrte Damen und Herren!

Liebe hier Versammelte!

Trauer, Wut, Zorn, Ohnmacht und Unverständnis. Von diesen Gefühlen sind wir beherrscht. Mit diesen Gefühlen sind wir hierher gekommen. Wut über die bis gestern geleugnete Blindheit gegenüber rechtsextremistischer Gefahr, Zorn über die jahrzehntelange Verharmlosung und Verschleierung neonazistischer Äußerungen und Taten, Bitternis über immer geahnte, nun endlich offenkundig gewordener Verflechtung von Neonazis in Polizei, Justiz, Verfassungsschutz. Und nun dieses neue beschämende Trauerspiel, in dem Landeskriminalamt, Justiz und Verfassungsschutz sich gegenseitig die Schuld zu- schieben. Ja, es gibt mehr als genug Gründe für berechtigten Zorn, geballte Fäuste und tiefe Scham. Über allem aber und vor allem steht die Trauer. Die Trauer um Menschen, die zu uns gehörten, die mitten unter uns leben wollten mit ihren Familien und ihren Gaben, mit denen sie unser Land und unsere Gesellschaft bereichern.   

Die Trauer birgt eine große Kraft, die größte, deren Menschen fähig sind, die Kraft der Liebe und des Tröstens in der Tiefe von Leid und Unrecht. Trauer und Tränen sind uns Menschen gegeben, um menschlich zu bleiben, menschlich nach unmenschlichen Erfahrungen wieder werden zu können, Trauer und Tränen verbinden uns mehr als Worte und Versprechungen. Sie sprechen die Sprache des Mit – Leidens und Mit – Fühlens und reden da, wo Worten alle Kraft entzogen ist. Wir trauern um diese frühzeitig mit brutalster Gewalt zerbrochenen Leben der Ermordeten, verursacht von Menschen, deren Herz eine schwarze Grube voller Hass und Verachtung ist. Wir rufen den Angehörigen der Opfer von diesem Ort hier im Herzen Erfurts zu: Wir weinen mit euch, wir trauern mit euch, wir zürnen mit euch!

Eigentlich ist dies eine Stunde des Schweigens, denn die Worte sind zu klein, zu gering und viel zu schwach, für die  Tiefe unserer Trauer und das Ausmaß unserer  Bestürzung. Wir haben die Hand vor den Mund zu schlagen und schweigend schuldig mit euch zu leiden. Und dennoch brauchen wir Worte, Worte, die  eine Brücke bauen, auf der wir von hier den Trauernden an allen Orten unseres Landes mit verletzten Herzen und ausgebreiteten Hände begegnen, ihnen zu versichern:

Wir sind zutiefst beschämt und im Innersten getroffen, daß Menschen aus unserer Mitte mit fanatisierten und vergifteten Herzen ihrem rassistischen und faschistischen Denken blutige Taten folgen lassen konnten, daß die Mörder gedeckt – von wem?, verschont – durch wen? untergetaucht – wohin? dreizehn Jahre ungestraft leben konnten.

In all unserer Empörung dürfen wir jedoch  eines nie vergessen: Diese Täter sind nicht von einem fernen stinkenden schwarzen Stern auf die Erde in unser Land gefallen. Sie sind alle mitten in unserer Gesellschaft groß geworden, sind  an den Kaffeetischen  unserer Familien den Gesprächen gefolgt. Sie sind unserer Kinder! Ja, auch diese. Und auch für diese sind wir verantwortlich! Verantwortung bleibt – in allem Zorn darüber, daß diese Verbrechen unter den Augen von Staat und Staatsschutz, einer noch immer nicht verbotenen Partei und Gesinnungssympathisanten aus der Öffentlichkeit vorbereiten, durchgeführt und verborgen bleiben konnte.

Darum ist die Trauer um die Opfer und die Trauer mit ihren Angehörigen eng verbunden mit der Trauer über unser Land, über die eigenen Unfähigkeiten, dem Reden des „Niewieder“ von den Anfängen her zu wehren. Es ist die Trauer über ein nationalsozialistisches und rassistisches und fremdenverachtenden Denken, dem mit Worten abgeschworen, das aber mit geschlossenen Augen geduldet wird. Rechtsextremismus und Fremdenhass, nationalsozialistisches Fühlen, Reden, und Handeln begleiten dieses Land seit den fünfziger Jahren. Das ist aus keiner Wende – und Verlierermentalität für den Osten des Landes zu erklären, das sind tiefe Wurzeln, die niemals ausgerissen wurden und immer neue Nahrung finden, in allen Regionen unseres Landes, in Parteien, Verbänden, Vereinen und Gemeinden, ja auch Kirchgemeinden.  Das muß ich – als Pfarrerin –  laut und beschämt sagen.  Ja, auch hier.

Wenn in diesen Tagen  Thüringen und Sachsen besonders  im Fokus sind, wir von Brandenburger Dörfern und Mecklenburger Kindergärten Grauenhaftes hören, sollte nicht vergessen sein:  Holger Apfel und Udo Pastörs kommen aus dem Westen, und viele und großzügige Geldgeber auch.Wenn jetzt eine Erschütterung durch unser Land geht, dann möge es einem Erdbeben gleichen, das allen die Augen öffnet über die Abgründe von Vorurteilen und Hass, kaltblütige Gewalt und sadistische Menschenfeindlichkeit, die immer noch wach und wirksam sind unter uns. Wenn aber als erste aller weiteren Regungen des Herzens und Verstandes die Trauer bleibt, dann wird diese ihre Kraft der Liebe, des Tröstens, und der Veränderung entfalten. Aus unserem Mit- Trauern und Mit – Fühlen wird aber  nur dann eine große Kraft zur Veränderung erwachsen, wenn sie an die Wurzel unseres Lebens greift, wenn die Ermordeten uns Genossinnen und Genossen, Mitbürgerinnen und Mitbürger, Schwestern und Brüder in der Verbundenheit unterschiedlichen Glaubens, vielfältiger Kultur und verschiedener Traditionen werden. Verstehen wir uns doch endlich als die eine zusammengebundene Menschheit, die den Auftrag hat, diese Welt menschenfreundlich und lebensfähig mit allem was auf ihr lebt, zu gestalten!

Mit diesen grauenvollen Morden sollten die Liebe und das Leben eines jeden Einzelnen gemordet worden, sollten ihre Würde und Ehre zerstört und vernichtet werden. Aber das lassen wir nicht zu! Dafür stehen wir hier, dazu sind die Namen der zehn Ermordeten sichtbar unter uns aufgezeichnet und wurden sie zu Beginn der Veranstaltung laut genannt. Zu jedem Namen gehört ein unverwechselbares Gesicht, gehören unvergleichliche Gaben und eine einmalige Geschichte und jeder von ihnen bleibt unersetzbar. Denn sie alle sind, wie wir hier Versammelten, geschaffen und in diese Welt gerufen nach dem Ebenbild GOTTES. Und nur die Liebe, die aus der Trauer steigt, hat die Kraft, den aufkeimenden Hass und den zerfressenden Zorn in ein neues wirkliches Miteinander und Füreinander zu wandeln. In der Kraft dieser Liebe sage ich mit aller Gewissheit: jede Stunde der gelebten Leben, um die wir hier trauern, ist aufgehoben und aufbewahrt bei Dem, der sie ins Leben rief.  Keine ist verloren und umsonst! Ob gläubig oder nicht, es gilt für alle Menschen: GOTT hat uns bei unserem  Namen gerufen. Wir gehören zu IHM. 

Elfriede Teresa Begrich, Erfurt am 28.11.2011 A+D+

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2 Responses to Trauerrede von Elfriede Teresa Begrich (ehemalige Pröbstin zu Erfurt-Nordhausen)

  1. J sagt:

    „Ob gläubig oder nicht, es gilt für alle Menschen: GOTT hat uns bei unserem Namen gerufen. Wir gehören zu IHM.“ die Frau versteht Atheist_innen und Agnostiker_innen wirklich! lol Für mich gilt das nicht. Mich hat keine imaginäre metaphysische Wolke beim Namen gerufen. Und in meinen Augen ist es Schade, dass das Betroffenheitsbuisness einmal mehr von der christlichen Propaganda überschwemt wurde.

  2. Die durch die Lohnarbeit bedingte Entfremdung vom Arbeitsprodukt entfremdet uns auch von unseren Mitmenschen.

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