Ich unterstütze die Petition zur „Auflösung des Thüringer Verfassungsschutz“

20. Dezember 2011

Auflösung des Thüringer Verfassungsschutzes

Als Thüringer LINKE Politiker und antifaschistischer Gewerkschafter möchte ich heute auf eine Petition aufmerksam machen, welche sich mit dem Versagen vor allem des „Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz“ im Zusammenhang mit den grausamen neonazistischen Morden an mindestens 10 Menschen bundesweit, befasst. Einreicher der Petition ist das Aktionsnetzwerk gegen Rechtsextremismus Jena. Ich halte alle drei Forderungen für absolut unterstützenswert und habe deshalb diese Petition gezeichnet und werde sie auch entsprechend verbreiten und unterstützen. Ich möchte die Leser_innen meiner Seite um Unterstützung bitten. Verbreitet die Petition und sorgt so gemeinsam für eine lückenlose Aufklärung über die Rolle des Verfassungsschutzes im Zusammenhang mit Neonazistrukturen.

Zum Unterstützen klickt einfach hier: http://www.jenapolis.de/petitionen/petition/show/50

 Wir fordern:

– die lückenlose Aufklärung und öffentliche Aufarbeitung der Rolle des Verfassungsschutzes in den Neonazistrukturen

– die Bildung eines Bürgerkommitees zur Auflösung des Verfassungsschutzes

– ein Ende der Kriminalisierung antifaschistischer Arbeit

Begründung:

Die entscheidende Spur der Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ führt zurück in die Zeit Ende der 90er Jahre. Es ist eine Zeit, in der ein sozialdemokratischer Innenminister eine Antinazi-Bündnis Demonstration in Saalfeld verbietet und der Verfassungsschutz in seinen Monatsberichten Neo-Nazis verharmlost, aber Gewerkschafter, Linke und Antifaschistische Gruppen diffamiert. Die zentralen Organisationen der extremen Rechten: der Thüringer Heimatschutz, Blood&Honour und die NPD blühen in dieser Zeit auf, geführt durch hoch bezahlte V-Leute des Verfassungsschutzes. In diesem Klima agierten die Personen, die heute dem NSU zugeordnet werden und die für mindestens 10 Morde verantwortlich gemacht werden. Ihr Untertauchen, ihre weiter bestehenden Kontakte zu den V-Leuten und die nicht durchgeführten Zugriffe sind Anlass genug für uns, der offiziellen Version von einer unentdeckten Gruppe kein Wort zu glauben. Seit vielen Jahren stellen sich zivilgesellschaftliche und antifaschistische Gruppen dem Neo-Nazismus entgegen und werden dafür kriminalsiert. Noch immer laufen hunderte Straf- und Ermittlungsverfahren wegen der Anti-Nazi Blockaden im Februar 2011 in Dresden.

Die Petition hat eine Laufzeit vorerst bis zum 31. Januar 2012 und wird auf Bedarf verlängert. Sie richtet sich an verschiedene Institutionen des Landes Thüringen (Ministerien und Parteien) und wird für die Öffentlichkeitsarbeit verwendet.


Partei DIE LINKE Thüringen kritisiert in scharfer Form sächsische Justiz & unterstützt den Aufruf zu Protesten gegen den Verfassungsschutz am 15.12.2012

11. Dezember 2011

Der Landesvorstand der Partei die LINKE Thüringen fasste in seiner Sitzung am 09.12. 12 zwei Beschlüsse die ich hier dokumentieren möchte. Es geht zum einen um die Solidarität mit dem Jenaer Stadtjugendpfarrer Lothar König und zum Anderen ruft die Partei auf, sich an den Aktivitäten der Bürgerbündnisse gegen Rechts gegen den Verfassungsschutz zu beteiligen.

„Solidaritätserklärung Lothar König“

Von offenkundiger Unbelehrbarkeit der sächsischen Behörden zeugt die Erhebung der Anklage gegen den Jenaer Jugendpfarrer, Lothar König, durch die Dresdener Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit den Protesten gegen den Naziaufmarsch in Dresden am 19. Februar 2011.  Lothar König gilt neben vielen anderen Vertreter_innen zivilen Ungehorsams und antifaschistischen Engagements thüringenweit  als langjähriger und aktiver Mitstreiter gegen Rassismus, Antisemitismus und Neofaschismus. Seine Aktivitäten gegen den Thüringer Heimatschutz seit Beginn der 90-er Jahre wird von den sächsischen Behörden nun massiv konterkariert. Das Agieren der Behörden in dieser Form beweist, dass die Lösung  der Probleme um staatliches Handeln gegen Neonazis und Rechtsterroristen noch bevorsteht. Angesichts der aktuellen Enthüllungen im Zusammenhang mit der terroristischen NSU  ist als ungeheuerlich und ungehörig zu bewerten, dass die sächsische Justiz Lothar König in dieser Form rechtlich belangen will.

Es ist kaum glaubhaft, dass die deutsche Justiz zu einer Zeit, da neofaschistische Täter unter den Augen und unbehelligt von Behörden eine Serie von Mordtaten verüben, gegen den Jenaer Jugendpfarrer Ermittlungen anstrengte, weil dieser sich gemeinsam mit vielen anderen Vertretern der deutschen Zivilgesellschaft dem Nazi-Aufmarsch entgegenstellt hat und hierbei Formen des zivilen Ungehorsams wie etwa Sitzblockaden benutzt wurden. Der zentrale Vorwurf dieser Juristinnen und Juristen gegen die Akteure der Zivilgesellschaft lautet: tut nichts, der Staat wird alles richten.

Wir sagen: Die Ereignisse der letzten Monate haben überdeutlich gezeigt, dass der Schutz der Demokratie weder durch die staatlichen Behörden noch durch den Verfassungsschutz gewährleistet wird. Damit nicht Teile der Justiz und der Sicherheitsdienste selbst zum Problem für die Demokratie werden, müssen sich alle demokratisch gesinnten Menschen vielmehr als bisher in die Gestaltung der Gesellschaft einbringen.

 Wir rufen alle auf, im Februar 2012 an den Protesten in Dresden gegen die neofaschistischen Gefahren in dieser Gesellschaft teilzunehmen und dabei auch gegen die zu protestieren, welche diese Gefahren bagatellisieren wollen oder versuchen, die zivilgesellschaftlichen Akteure und den gewaltlosen Widerstand selbst in die Nähe von Terrorismus zu rücken!

Wir fordern von der sächsischen Justiz die Einstellung sämtlicher Verfahren im Zusammenhang mit den Protesten gegen den Naziaufmarsch am 19. Februar 2011. Friedlicher Protest gegen Nazis ist keine Straftat sondern ein Grundrecht.

Der Landesvorstand unterstützt:  Aufruf zu Protestaktionen  /  Weggeschaut – Verharmlost – Finanziert

Für die sofortige Auflösung des Thüringer Verfassungsschutzes

Die entscheidende Spur der Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ führt zurück in die Zeit Ende der 90er Jahre. Es ist eine Zeit, in der ein sozialdemokratischer Innenminister eine Antinazi-Bündnis Demonstration in Saalfeld verbietet und der Verfassungsschutz in seinen Monatsberichten Neo-Nazis verharmlost, aber Gewerkschafter, Linke und Antifaschistische Gruppen diffamiert. Die zentralen Organisationen der extremen Rechten: der Thüringer Heimatschutz, Blood&Honour und die NPD blühen in dieser Zeit auf, geführt durch hoch bezahlte V-Leute des Verfassungsschutzes. In diesem Klima agierten die Personen, die heute dem NSU zugeordnet werden und die für mindestens 10 Morde verantwortlich gemacht werden. Ihr Untertauchen, ihre weiter bestehenden Kontakte zu den V-Leuten und die nicht durchgeführten Zugriffe sind Anlaß genug für uns, der offiziellen Version von einer unentdeckten Gruppe kein Wort zu glauben. Seit vielen Jahren stellen sich zivilgesellschaftliche und antifaschistische Gruppen dem Neo-Nazismus entgegen und werden dafür kriminalsiert. Noch immer laufen hunderte Straf- und Ermittlungsverfahren wegen der Anti-Nazi Blockaden im Februar 2011 in Dresden. Es ist Advent. Die Zeit der Erwartung. Aber wir erwarten nicht mehr. Unsere Geduld ist am Ende.

Wir fordern:

Die lückenlose Aufklärung und öffentliche Aufarbeitung der Rolle des Verfassungsschutzes in den Neonazistrukturen
Die Bildung eines Bürgerkommitees zur Auflösung des Verfassungsschutzes
Ein Ende der Kriminalisierung antifaschistischer Arbeit

Protestaktionen am 15.12.2011

16.00 Uhr protestierten wir vor dem Landtag während die Abgeordneten der Landesregierung dem Verfassungsschutz wieder Millionenbeträge für 2012 zuschustern

18.00 Uhr protestieren wir vor dem Landesamt für Verfassungsschutz, in dem die Fäden der Neo-Nazi V(ertrauens)-Leute zusammenlaufen

Aktionsnetzwerk gegen Rechtsextremismus Jena
Bürgerbündnis gegen Rechtsextremismus Weimar


Wie war das mit der alten Scheune? Neue Förderrunde des Jugendprogramms „Zeitensprünge“ startet

5. Dezember 2011

Als ehemaliges Mitglied des Landesjugendringvorstandes und Mitglied des Landesjugendhilfeausschuss möchte ich auf ein Projekt hinweisen welches ich sehr wichtig finde. Ich hoffe, dass sich einige Jugendgruppen in Thüringen finden die hier mitmachen.

 Das Jugendprogramm „Zeitensprünge“ der Stiftung Demokratische Jugend geht in eine neue Runde. Interessierte Jugendgruppen aus den Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen können sich noch bis zum 31. Januar 2012 für eine Teilnahme am Jugendprogramm „Zeitensprünge“ bewerben.

Vielfältige Geschichtsarbeit

Lokale Geschichte und Geschichten – darum geht es beim Jugendprogramm „Zeitensprünge“. Jugendliche werden durch historische Nachforschungen zu einer Auseinandersetzung mit ihrer Region angeregt und dazu ermuntert, der Geschichte ihrer unmittelbaren Umgebung auf den Grund zu gehen. Ob durch die Spurensuche direkt vor Ort, das Interviewen von Menschen anderer Generationen oder die Recherche in Bibliotheken und Archiven – im Jugendprogramm „Zeitensprünge“ können Jugendliche im Alter zwischen 12 und 18 Jahren spannende Geschichte(n) aus ihrer Region entdecken, erforschen und dokumentieren. Forschungszeitraum ist das 20. Jahrhundert. Am 1. April 2012 fällt der Startschuss für die Projektarbeit der Jugendlichen. Bis zum 15. Dezember 2012 haben die Jugendgruppen dann Zeit, ihre Forschungen anzustellen und durch Broschüren, Filme, Fotobände, Ausstellungen o.ä. zu dokumentieren.

Förderung durch die Stiftung Demokratische Jugend

Den Jugendgruppen, die durch eine Jury für die Teilnahme am Jugendprogramm „Zeitensprünge“ ausgewählt wurden, wird eine Förderung in Höhe von bis zu 1.250 Euro gewährt. Alle „Zeitenspringer-Teams“ bekommen darüber hinaus ein Starterset mit verschiedenen Programmmaterialien.

Kontakt:

Stiftung Demokratische Jugend

Anna Lieckfeld / Lena Jütte

Grünberger Str. 54

Tel: 030 200 789 47

Fax: 030 200 789 99

presse@jugendstiftung.org

Nähere Informationen zum Jugendprogramm „Zeitensprünge“  auf www.zeitenspruenge.org


Bericht vom Bundestreffen der AG Betrieb & Gewerkschaft die LINKE

4. Dezember 2011

 

Vom 3. zum 4, Dezember 2011 trafen sich in Berlin die Delegierten der AG Betrieb & Gewerkschaft bundesweit zur Delegiertenkonferenz. Ich habe als Gast an dieser Konferenz teilgenommen und auch die Thüringer Aspekte in einem Redebeitrag eingebracht. Nach einem erfolgreichen Erfurter Parteitag bei dem mit überwältigender Mehrheit das Parteiprogramm beschlossen wurde, bewerteten die Delegierten der verschiedenen Landesarbeitsgemeinschaften die Arbeit der vergangenen Jahre als sehr erfolgreich. Die Bundes AG hatte auf dem Parteitag mit dafür dafür gesorgt, dass die Positionen linker Gewerkschafter_innen im Programm eine gewichtige Rolle spielen. Dies war während der gesamten Konferenz deutlich unter den Delegierten zu spüren. Fast jeder zweite Wortbeitrag in der Generaldebatte bezog sich auf den Erfolg des Parteiprogramms.

Der erste Höhepunkt der Konferenz

Das war die Rede von Werner Dreibus (Bundesgeschäftsführer der Partei) der den verhinderten Ulrich Maurer (MdB und Mitglied des Parteivorstandes) vertrat. Werner lobte die AG Betrieb & Gewerkschaft und hob vor allem die Wichtigkeit gewerkschaftlicher Positionen und Personen in unserer Partei hervor. Auch er lobte das Erfurter Parteiprogramm und unter dem Applaus der Delegierten warb er für ein solidarisches Miteinander und vor allem wies er darauf hin, dass jetzt die Zeit ist, die Ideen des Parteiprogramms an die Menschen zu bringen und nicht ständig Personaldebatten öffentlich zu führen. Neben einigen Seitenhieben auf den DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften, (welche ich persönlich relativ unscharf fand), die in der Generaldebatte aber durch einige Delegierte diskutiert wurden, bat der Bundesgeschäftsführer uns außerdem die letzten Tage noch für ein Ja zur Urabstimmung des Erfurter Programms zu werben.

Der zweite Höhepunkt der Konferenz:

Das war die Generaldebatte. Hier wurde sehr deutlich worum es der AG bundesweit vor allem geht. Die meist genannten Schlagworte: Gute Arbeit, Streikrecht, Mindestlohn, Arbeitszeitverkürzung. Ausdrücklich gefreut habe ich mich, dass die AG die Eigentums- und Umverteilungsfrage im hohen Maße als wesentlich herausgestellt wurde und dies auch verknüpft mit der Frage nach dem Wesen der Demokratie. Ein weiterer Schwerpunkt der Redebeiträge lag im Bereich „Rechtsextremismus“. So wie ich es von Gewerkschafter_innen kenne, wurde immer wieder die antifaschistische Grundhaltung heraus gestellt. Klare Forderungen wie die Auflösung des Verfassungsschutz und das Verbot der NPD wurden mit lautem Applaus und „Genau“ rufen quittiert. Zuletzt kann ich erfreut hervorheben, dass auch das Wort „Solidarität“ immer noch einen hohen Stellenwert einnimmt.

Wahlen: Im neuen Bundessprecher_innenrat sind leider aus meiner Sicht zwei wichtige Köpfe nicht mehr dabei. Barbara Borchardt (MdL Meck-Pomm) und der durchaus in Gewerkschaftskreisen bekannte Michael Schlecht (MdB & ver.di) werden der AG hoffentlich in anderen Bereichen erhalten bleiben. Gefreut habe ich mich ausdrücklich über die Wahl des antifaschistischen Gewerkschafters Jochen Dürr. Kritisch anmerken möchte ich den hohen Grad an Hauptamtlichkeit sowohl im Sprecher_innenrat als auch bei den Delegierten zum nächsten Bundesparteitag. Außerdem ist durch den Weggang von Mike Lätzsch (Sachsen) kein Ostdeutscher mehr auf Bundesebene vertreten. Unmut machte sich weiterhin unter einigen Delegierten breit, weil sowohl Sabine Wils (MdEP) als auch ihr Mitarbeiter Gerald Kemski im Vorstand gemeinsam vertreten sind. Aus Sicht Einiger könnte das zu Problemen unter den beiden führen.

Beschlüsse: Die Beschlüsse können auf der Homepage der Bundes AG unter www.betriebundgewerkschaft.de  eingesehen werden. Ich möchte sie hier nur kurz benennen.

1. Resolution der AG Betrieb & Gewerkschaft „Neuer Aufbruch für die LINKE“

2. „Solidarität mit den Beschäftigten der Bodendienste der europäischen Verkehrsflughäfen“ (Europarichtlinie)

3. „Europaweit gemeinsam gegen Liberalisierung und Privatisierung“ (Unterstützung der GUE/NGL im Europaparlament)

4. „Bundesfreiwilligendienst als versteckten Niedriglohnsektor abschaffen – Jugendfreiwilligendienste FSJ und FÖJ stärken“

 5. Resolution „Zur Unterstützung der Kolleg_innen bei BHW & Postbank

Am Schluss der Konferenz sprachen sich viele Delegierte dafür aus, die Initiative „Dresden Nazifrei“ zu unterstützen. Hierzu müssen die Bundessprecher_innen aus meiner Sicht aktiv werden. Jede und Jeder sollte am 18. Februar nach Dresden fahren und sich den Nazis entgegensetzen. Außerdem sind viele Delegierte dem Förderverein „Gelbe Hand“ mit dem bekannten Slogan „Mach meinen Kumpel nicht an“ als Fördermitglied beigetreten. Ich hoffe, dass sich dem noch viele anschließen werden. Ich selbst bin Fördermitglied. Der Jahresbeitrag liegt bei 36 Euro.

Abschließend kann ich für mich resümieren, dass es die richtige Entscheidung war das Wochenende in Berlin mit den vielen interessanten Kolleginnen und Kollegen zu verbringen. Austausch und Vernetzung sind immens wichtig und ich konnte wieder viele neue Kontakte knüpfen.

Jetzt sitze ich im Zug nach Hause und freu mich auf meine Frau und den Rest der Familie und natürlich auf unseren Hund. Als Überraschung habe ich eine große Packung „Dunkin Donuts“ (Gewerkschaft NGG Bereich) für die ganze Familie mit. Schließlich ist ja heute schon der 2. Advent, da kann ich doch nicht mit leeren Händen… 


Trauerrede von Elfriede Teresa Begrich (ehemalige Pröbstin zu Erfurt-Nordhausen)

3. Dezember 2011

 

Am 28.11.2011 gedachten in Erfurt einige hundert Menschen den durch die extrem Rechten Ermordeten Mitmenschen. Eine besondere Rede möchte ich hier auf der Seite veröffentlichen. Die ehemalige Pröbstin Elfriede Begrich fand klare und deutliche Worte.

Mit ihrem Einverständnis veröffentliche ich die von ihr gehaltene Rede:

Sehr geehrte Damen und Herren!

Liebe hier Versammelte!

Trauer, Wut, Zorn, Ohnmacht und Unverständnis. Von diesen Gefühlen sind wir beherrscht. Mit diesen Gefühlen sind wir hierher gekommen. Wut über die bis gestern geleugnete Blindheit gegenüber rechtsextremistischer Gefahr, Zorn über die jahrzehntelange Verharmlosung und Verschleierung neonazistischer Äußerungen und Taten, Bitternis über immer geahnte, nun endlich offenkundig gewordener Verflechtung von Neonazis in Polizei, Justiz, Verfassungsschutz. Und nun dieses neue beschämende Trauerspiel, in dem Landeskriminalamt, Justiz und Verfassungsschutz sich gegenseitig die Schuld zu- schieben. Ja, es gibt mehr als genug Gründe für berechtigten Zorn, geballte Fäuste und tiefe Scham. Über allem aber und vor allem steht die Trauer. Die Trauer um Menschen, die zu uns gehörten, die mitten unter uns leben wollten mit ihren Familien und ihren Gaben, mit denen sie unser Land und unsere Gesellschaft bereichern.   

Die Trauer birgt eine große Kraft, die größte, deren Menschen fähig sind, die Kraft der Liebe und des Tröstens in der Tiefe von Leid und Unrecht. Trauer und Tränen sind uns Menschen gegeben, um menschlich zu bleiben, menschlich nach unmenschlichen Erfahrungen wieder werden zu können, Trauer und Tränen verbinden uns mehr als Worte und Versprechungen. Sie sprechen die Sprache des Mit – Leidens und Mit – Fühlens und reden da, wo Worten alle Kraft entzogen ist. Wir trauern um diese frühzeitig mit brutalster Gewalt zerbrochenen Leben der Ermordeten, verursacht von Menschen, deren Herz eine schwarze Grube voller Hass und Verachtung ist. Wir rufen den Angehörigen der Opfer von diesem Ort hier im Herzen Erfurts zu: Wir weinen mit euch, wir trauern mit euch, wir zürnen mit euch!

Eigentlich ist dies eine Stunde des Schweigens, denn die Worte sind zu klein, zu gering und viel zu schwach, für die  Tiefe unserer Trauer und das Ausmaß unserer  Bestürzung. Wir haben die Hand vor den Mund zu schlagen und schweigend schuldig mit euch zu leiden. Und dennoch brauchen wir Worte, Worte, die  eine Brücke bauen, auf der wir von hier den Trauernden an allen Orten unseres Landes mit verletzten Herzen und ausgebreiteten Hände begegnen, ihnen zu versichern:

Wir sind zutiefst beschämt und im Innersten getroffen, daß Menschen aus unserer Mitte mit fanatisierten und vergifteten Herzen ihrem rassistischen und faschistischen Denken blutige Taten folgen lassen konnten, daß die Mörder gedeckt – von wem?, verschont – durch wen? untergetaucht – wohin? dreizehn Jahre ungestraft leben konnten.

In all unserer Empörung dürfen wir jedoch  eines nie vergessen: Diese Täter sind nicht von einem fernen stinkenden schwarzen Stern auf die Erde in unser Land gefallen. Sie sind alle mitten in unserer Gesellschaft groß geworden, sind  an den Kaffeetischen  unserer Familien den Gesprächen gefolgt. Sie sind unserer Kinder! Ja, auch diese. Und auch für diese sind wir verantwortlich! Verantwortung bleibt – in allem Zorn darüber, daß diese Verbrechen unter den Augen von Staat und Staatsschutz, einer noch immer nicht verbotenen Partei und Gesinnungssympathisanten aus der Öffentlichkeit vorbereiten, durchgeführt und verborgen bleiben konnte.

Darum ist die Trauer um die Opfer und die Trauer mit ihren Angehörigen eng verbunden mit der Trauer über unser Land, über die eigenen Unfähigkeiten, dem Reden des „Niewieder“ von den Anfängen her zu wehren. Es ist die Trauer über ein nationalsozialistisches und rassistisches und fremdenverachtenden Denken, dem mit Worten abgeschworen, das aber mit geschlossenen Augen geduldet wird. Rechtsextremismus und Fremdenhass, nationalsozialistisches Fühlen, Reden, und Handeln begleiten dieses Land seit den fünfziger Jahren. Das ist aus keiner Wende – und Verlierermentalität für den Osten des Landes zu erklären, das sind tiefe Wurzeln, die niemals ausgerissen wurden und immer neue Nahrung finden, in allen Regionen unseres Landes, in Parteien, Verbänden, Vereinen und Gemeinden, ja auch Kirchgemeinden.  Das muß ich – als Pfarrerin –  laut und beschämt sagen.  Ja, auch hier.

Wenn in diesen Tagen  Thüringen und Sachsen besonders  im Fokus sind, wir von Brandenburger Dörfern und Mecklenburger Kindergärten Grauenhaftes hören, sollte nicht vergessen sein:  Holger Apfel und Udo Pastörs kommen aus dem Westen, und viele und großzügige Geldgeber auch.Wenn jetzt eine Erschütterung durch unser Land geht, dann möge es einem Erdbeben gleichen, das allen die Augen öffnet über die Abgründe von Vorurteilen und Hass, kaltblütige Gewalt und sadistische Menschenfeindlichkeit, die immer noch wach und wirksam sind unter uns. Wenn aber als erste aller weiteren Regungen des Herzens und Verstandes die Trauer bleibt, dann wird diese ihre Kraft der Liebe, des Tröstens, und der Veränderung entfalten. Aus unserem Mit- Trauern und Mit – Fühlen wird aber  nur dann eine große Kraft zur Veränderung erwachsen, wenn sie an die Wurzel unseres Lebens greift, wenn die Ermordeten uns Genossinnen und Genossen, Mitbürgerinnen und Mitbürger, Schwestern und Brüder in der Verbundenheit unterschiedlichen Glaubens, vielfältiger Kultur und verschiedener Traditionen werden. Verstehen wir uns doch endlich als die eine zusammengebundene Menschheit, die den Auftrag hat, diese Welt menschenfreundlich und lebensfähig mit allem was auf ihr lebt, zu gestalten!

Mit diesen grauenvollen Morden sollten die Liebe und das Leben eines jeden Einzelnen gemordet worden, sollten ihre Würde und Ehre zerstört und vernichtet werden. Aber das lassen wir nicht zu! Dafür stehen wir hier, dazu sind die Namen der zehn Ermordeten sichtbar unter uns aufgezeichnet und wurden sie zu Beginn der Veranstaltung laut genannt. Zu jedem Namen gehört ein unverwechselbares Gesicht, gehören unvergleichliche Gaben und eine einmalige Geschichte und jeder von ihnen bleibt unersetzbar. Denn sie alle sind, wie wir hier Versammelten, geschaffen und in diese Welt gerufen nach dem Ebenbild GOTTES. Und nur die Liebe, die aus der Trauer steigt, hat die Kraft, den aufkeimenden Hass und den zerfressenden Zorn in ein neues wirkliches Miteinander und Füreinander zu wandeln. In der Kraft dieser Liebe sage ich mit aller Gewissheit: jede Stunde der gelebten Leben, um die wir hier trauern, ist aufgehoben und aufbewahrt bei Dem, der sie ins Leben rief.  Keine ist verloren und umsonst! Ob gläubig oder nicht, es gilt für alle Menschen: GOTT hat uns bei unserem  Namen gerufen. Wir gehören zu IHM. 

Elfriede Teresa Begrich, Erfurt am 28.11.2011 A+D+